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Ätiologie
Die Einteilung in unbelebte und belebte Noxen,
Giftwirkung chemischer oder biologischer Stoffe, Nebenwirkungen
von Medikamenten usw. ist im Einzelfall oft willkürlich.
Ein und dieselbe Substanz kann biologischer oder synthetischer
Herkunft sein. Verätzungen durch Ameisensäure können
z.B. beim Hantieren mit der synthetisch gewonnenen Substanz entstehen,
lassen sich aber auch durch Ameisenbisse hervorrufen, und thermische
Schäden werden auch in den Abschnitten "elektrischer
Strom" und "Strahlung" zu behandeln sein. Viele
der hier besprochenen Noxen stellen umweltbedingte Schäden
dar, z.T. erzeugen sie Berufserkrankungen.
Physikalische Noxen
Derartige Noxen lassen sich in mechanische (Traumata),
thermische (Hitze und Kälte), elektrische (Strom) und aktinische
(Strahlung) Schäden grob unterteilen.
  
Traumata bewirken, abgesehen von den unmittelbaren Zerstörungen
an Zellen und Geweben durch die Gewalteinwirkung, mittelbar eine
durch die Kontinuitätstrennung von Gefäßen verursachte
mangelnde Blutversorgung mit der Folge ischämischer Nekrosen
und erhöhtem Wundinfektionsrisiko (Gasbrand, Tetanus!). Eine
Wunde heilt an Haut, Knochen, Gelenken und Bändern, Nervengewebe
und inneren Organen in prinzipiell ähnlicher Weise in mehreren
Phasen aus, wobei eine exsudative, eine resorptive, eine proliferative,
eine reparative und eine Narbenphase (siehe
Thema 8) unterschieden werden können. Defekte, die die
bindegeweblichen Leitstrukturen in Mitleidenschaft gezogen haben,
induzieren grundsätzlich eine Defektheilung mit der Bildung
einer Narbe.
Unter die Kategorie "mechanische Schäden"
fallen eine Reihe von Berufserkrankungen,
wie z.B. bestimmte Sehnenscheiden- und Schleimbeutelerkrankungen,
Meniskopathien, Erkrankungen durch Vibration oder Erschütterungen,
Drucklähmungen von Nerven u.a. Einseitige Überbeanspruchung
oder asymmetrisch wirkende Kräfte, z.B. beim Sitzen (fehlerhafte
Sitzhaltung!), beim Sport oder beim Musizieren führen zu
den verschiedensten, die Traumatologie und Orthopädie beschäftigenden
Folgen an Knochen, Bändern, und Gelenken.
Gasdruckschäden
Von Explosionen ausgelöste Druckwellen können
über akute Lärmschäden hinaus Gewebszerreißungen
auch innerer Organe, insbesondere der Lunge, nach sich ziehen.
Setzt man sich ohne eine vorherige Anpassungsperiode abzuwarten
einem zu niedrigen Luftdruck aus, so kann die sog. Höhenkrankheit
infolge hypoxämischer Hypoxidose auftreten. Bei plötzlichen
Druckabfällen, z.B. beim zu schnellen Auftauchen aus Tiefen
von über 20 m, können durch die verminderte Lösungsfähigkeit
der Körperflüssigkeiten für Gase intravasale Luftperlen
mit der Folge einer Luftembolie entstehen (Caisson-Krankheit,
Taucher-Krankheit).
Menschliche Zellen sind mit ihren Enzymkomplexen auf eine
Arbeitstemperatur um 37°C optimiert. Systemische Temperaturerhöhungen
über 41°C sind durch Endothelschäden und darauf folgende
disseminierte intravasale Gerinnung unmittelbar lebensbedrohlich.
Subletale Zellschäden werden durch ein Aktivierung in latenter
Form ständig zytoplasmatisch vorliegender Hitzeschockproteine
beantwortet. Dadurch wird eine erhöhte zelluläre Thermotoleranz
erreicht und die Expression verschiedener Streßproteine
bewirkt. Erhöhte Temperaturen bewirken eine Denaturierung
von Proteinen und Aufhebung der Membranintegrität. Manche
Zelltypen und Gewebe sind besonders empfindlich auf Temperaturänderungen.
Diese Eigenheit versuchen verschiedene Tumortherapiekonzepte zu
nutzen.
Überwärmung des Körpers durch erhöhte
Umgebungstemperaturen oder ungenügende Wärmemabgabe
führen zum Hitzschlag. Man findet an den inneren Organen
Blutextravasate um kleinere Gefäße (z.B. Purpura cerebri),
kleinherdige Nekrosen und, im Blutausstrich, Aggregatbildung von
Blutkörperchen.
Die maligne Hyperthermie ist eine seltene
genetisch determinierte, wegen des hohen Letalitätsrisikos
gefürchtete Narkosekomplikation aufgrund einer abnormen Reaktion
der Muskulatur auf depolarisierende Muskelrelaxantien und Inhalationsnarkotika.
Die Körpertemperatur steigt dabei auf Werte bis zu 42°C.
Die Muskulatur verfällt in eine Dauerkontraktur mit erhöhter
anaerober Glykolyse und daraus folgender Rhabdomyolyse, die u.a.
Kreislaufschock, Verbrauchskoagulopathie und Hirnödem sowie
durch Myoglobinurie ein Nierenversagen nach sich zieht.
Systemische Unterkühlung (Hypothermie) unter 25°C
durch ein Mißverhältnis zwischen Wärmeproduktion
und Umgebungstemperatur, ggf. begünstigt durch Endokrinopathien,
Alkoholismus u.a., führt zum Herz- / Kreislaufversagen.
Schon
mäßige lokale Hypothermie kann bei entsprechender Disposition
inadäquat starke Schäden durch Gefäßspasmen
(M. Raynaud) oder Kälte-Antikörpersyndrome (Kälteagglutinine
mit und ohne Komplement-Aktivierung, Kälte-Urtikaria) bewirken.
Lokale
Temperaturerhöhungen über 60°C durch Verbrennungen oder
Verbrühungen ziehen eine unmittelbare Nekrose (Koagulationsnekrose)
durch Denaturierung von Proteinen nach sich.
Lokale Hypothermie (Erfrierung, Vereisung) führen zu Schäden,
die sich nach Wiedererwärmung der Gewebe manifestieren. Entsprechend
der Stärke der Schädigung teilt man lokale thermische
Schäden in 4 Schweregrade ein:
- Grad
1:Erythem
durch Gefäßerweiterung und Hyperämie,
- Grad
2: Blasenbildung durch Schädigung der Epidermis,
- Grad
3: Brandschorf bzw. Frostgangrän als Verschorfungsnekrose
infolge oberflächlicher Zirkulationsstörung mit obligater
Narbenbildung nach Defektheilung,
- Grad
4: Verkohlung bzw. Vereisung mit tiefreichenden Gewebsschäden.
Schäden durch elektrischen Strom
Schon geringe Ströme können Muskelkontraktionen
bewirken und mit physiologischer Erregungsbildung und -leitung
interferieren, so daß kardiale Erregungsbildungsstörungen
bis hin zum Kammerflimmern und Krämpfe z.B. der Atemmuskulatur
die Folge sein können. Höhere Spannungen und Stromstärken
führen darüberhinaus zu Verbrennungs- und Verkochungsnekrosen
(Strommarken). Histologisch kann man den Weg des elektrischen
Stromes verfolgen, da sich das Chromatin der Zellkerne in Schlieren
pinselförmig auszieht und entlang der Stromrichtung in Büscheln
und Garben anordnet. Bei starker Hitzwirkung dringt ggf. geschmolzenes
Metall in Form von Stromperlen in die Haut ein.
Die Einwirkung starker elektromagnetischer Felder
produziert keine unmittelbaren, morphologisch faßbaren Schäden.
Ggf. können Fehlfunktionen an Herzschrittmachern u.ä.
zu sekundären Schäden führen.
 
Diese werden hauptsächlich durch die ionisierende
Wirkung korpuskulärer (a-,
b-Teilchen, Neutronen)
und elektromagnetischer Strahlung (Ultraviolett-, Röntgen-,
g-Strahlen), aber auch
durch Wärmewirkung (z.B. Infrarot- und Mikrowellenstrahlung)
verursacht.
Die durch Wärmewirkung entstehenden Schäden äußern
sich prinzipiell wie oben beschreiben, als besondere Formen sind
jedoch zu nennen: der Sonnenstich infolge cerebraler Hyperthermie,
der Strahlenstar (Cataracta actinica) als Berufserkrankung der
Glasbläser und die männliche Infertilität infolge
wärmestrahlenbedingter Hodenfibrose.
Die Haut verfügt über verschiedene Lichtschutzmechanismen,
darunter die Hyperkeratose der Epidermis (Lichtschwiele) und die
Hyperpigmentierung durch verstärkte Produktion von Melanin
seitens der Melanozyten und Speicherung des Pigments in Keratinozyten
(Sonnenbräune). Der ionisierenden, mutagenen Wirkung des
UV-Anteils im Sonnenlicht wirken DNA-Reparatur-Systeme
entgegen, die bei Patienten mit Xeroderma pigmentosum auf
verschiedenen Ebenen gestört sein können. Bei dieser
genetisch determinierten Erkrankung entstehen durch Kumulation
von Mutationen frühzeitig maligne Tumoren, insbesondere solche
der Haut.
Abgesehen von mutagenen Wirkungen können UV-Strahlen
Radikale erzeugen, die im Zusammenspiel mit der Wärmewirkung
zu akuten Entzündungsreaktionen (Sonnenbrand, Erythema
solare, einer Verbrennung 1. bis 2. Grades äquivalent) und
chronischen Lichtdermatosen führen. Diese äußern
sich in Pigmentierungsanomlien, Schäden an der kutanen extrazellulären
Matrix (sog. solare Elastose) und bleibenden Erweiterungen kapillärer
Blutgefäße (Teleangiektasien). Topisch und systemisch
applizierte Substanzen, wie Teere, Farbstoffe, Medikamente, ätherische
Öle und Furanokumarine, aber auch Stoffwechselprodukte wie
Porphyrine (M. Günther) können sich in der Haut anreichern
und bei Belichtung toxische oder allergene Derivate entwickeln
(phototoxische und photoallergische Reaktionen).
Phototoxische Wirkungen werden bei der PUVA-Therapie genutzt.
Energiereiche elektromagnetische und insbesondere korpuskuläre
Strahlung (a-, b-
und Neutronen-Strahlen) können beim Eindringen in Gewebe
ionisierend wirken, also durch Zusammenstoß mit Elektronen
die betreffenden Atome destabilisieren und zu chemischen Reaktionen
veranlassen. Direkte und Folgereaktionen der Ionisierung wie die
Bildung freier Radikale führen zu Schäden an komplexen
Biomolekülen, wie z.B. Nukleinsäuren, Enzymen oder Membranbestandteilen,
wodurch Mutationen der Erbsubstanz sowie Zell- und Organellenmembranschäden
entstehen. Die Eindringtiefe der Strahlung wird durch deren Energie
bestimmt. Daher sind energiearme Strahlen, von außen appliziert,
leicht abzuschirmen. Umso gefährlicher sind aber schwach
energetische Strahlen, wenn sie nach Inkorporation radioaktiver
Stoffe in Geweben abgegeben werden und unmittelbar benachbarte
Zellen schädigen können (Beispiel: Thorotrastose).
Zellen und Gewebe sind unterschiedlich strahlenempfindlich,
dabei steht die Strahlenvulnerabilität mit dem Differenzierungsgrad
in umgekehrter Beziehung. Wechselgewebe wie Knochenmark, Darmepithel,
Keimepithel und embryonales Gewebe enthalten hoch strahlensensible
Zelltypen, während Muskulatur und Nervengewebe vergleichsweise
strahlenresistent sind. Übersteigen radiogene DNS-Schäden
die Leistungsfähigkeit der Reparatursysteme,
so kommt es initial zur Hemmung des Zellzyklus, ggf. sogar zur
Auslösung des programmierten Zelltodes, der Apoptose,
unter der Voraussetzung, daß die Kontrollmechanismen (darunter
das p53-Protein) noch intakt sind. Sind diese auch geschädigt,
so kumulieren die Mutationen, und es können durch Transformation
von Zellen Tumoren entstehen.
Diese mutagenen Strahlenschäden sind zufällig
in dem Sinne, daß sie nicht notwendigerweise ab einer bestimmten
Strahlendosis auftreten. Für solche Strahlenwirkungen wird
daher keine Schwellendosis angenommen. Lediglich die Wahrscheinlichkeit
des Auftretens von Schäden nimmt bei wachsender Strahlendosis
zu, d.h. dosisabhängig sind nicht das Ausmaß und die
Schwere der Tumorerkrankung eines Individuums, sondern die Inzidenz
der betreffenden Tumoren in einer Population.
Neben den mutagenen Schäden entstehen durch Einwirkung
ionisierender Strahlen dosisabhängige, also nicht-stochastische
Wirkungen. Dabei lassen sich frühe und späte Strahlenschäden
unterscheiden. Charakter und Ausmaß der Schäden hängen
u.a. von der Strahlenart und -dosis, der Expositionszeit, der
bestrahlten Körperregion und dem Allgemeinzustand ab.
Die akute Strahlenkrankheit ist ein eigenständiges
Krankheitsbild mit einem mehrphasigen Verlauf, die sich nach kurzzeitiger
Einwirkung von mehr als 1 Gy auf den Organismus entwickelt. Bei
Dosen zwischen 1 und 10 Gy stehen hämatologische, bei Dosen
zwischen 10 und 50 Gy intestinale Symptome im Vordergrund. Ab
5 Gy ist mit einer Letalität von etwa 50% zu rechnen. Höhere
Dosen sind unmittelbar letal durch Überschwemmung des Körpers
mit Radikalen bzw. durch toxische Wirkung am ZNS. Lokale Strahlenschäden
werden von den Eigenschaften des betroffenen Organs oder Gewebes
bestimmt. Die Strahlendermatitis ist die Folge der Schädigung
an Basalzellen und Endothel, die Strahlenenteropathie die Folge
der Schädigung der Enterozyten, die Strahlenvaskulopathie
ist auf die Endothelschädigung und Insudation in die Gefäßwand
zurückzuführen. Die zytotoxische Wirkung am Knochenmark
bis hin zur Aplasie macht sich in Abhängigkeit von der mittleren
Lebenszeit der differenzierten Blutzellen sukzessive bemerkbar.
Bei über längere Zeit andauernder oder wiederholter
Strahlenexposition mit geringer Dosis entwickeln sich chronische
Strahlenschäden bzw. Spätkomplikationen. Dazu zählen
am Gefäßsystem Teleangiektasien bzw. Aneurysmata sowie
eine generelle Wandsklerose. Fibroblasten werden aktiviert und
zur Bildung extrazellulärer Matrix veranlaßt, wobei
im Zusammenhang mit weiteren Umbauvorgängen eine nicht nur
quantitativ sondern auch qualitativ andere Bindegewebszusammensetzung
resultiert (vergl. Thema 3). Infolge der Gefäßschäden
heilen Ulcera von Haut und Schleimhäuten nur verzögert,
so daß sich z.B. am Darm und den Ureteren Strikturen und
Fisteln bilden können. An der Haut finden sich neben einer
atrophen Epidermis eine Sklerose der Dermis nebst Teleangiektasien.
Am Knochen können durch Nekrosen radiogene Knochensequester
entstehen. Auch in Lymphknoten und innerhalb des Knochenmarks
bilden sich Fibrosen, die ggf. eine Anämie zur Folge haben
können. Lungenfibrosen sind z.B. auch nach gewerblichen Radiumvergiftungen
bekannt.
Diese Schäden treten auch bei in entsprechenden Dosen
zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken in der Medizin eingesetzte
Strahlen als Nebenwirkungen auf. Als erwünschte Wirkungen
sollen ionisierende Strahlen Tumoren zerstören oder das Fortschreiten
chronisch-entzündlicher oder degenerativer Erkrankungen hemmen.
Die Strahlenwirkung auf Tumoren ist von verschiedenen Faktoren
abhängig und kann ggf. sich im mikroskopischen Bild in Form
degenerativer Zell- und Kernveränderungen bemerkbar machen
(siehe APSS Tumoren I).
Biologische oder chemische unbelebte Noxen,
Stäube, Vergiftungen
Gifte (Toxine) könne biologischer oder chemisch-synthetischer
Herkunft sein. Toxinwirkungen können im Zusammenhang mit
einer Infektionserkrankung (Gasbrand, Diphterie,
Scharlach, Typhus u.a.), mit der Ernährung (z.B. Knollenblätterpilzvergiftung,
Botulismus, Ethanol, Nikotin), mit kriminellen
(Verabfolgung von "Erbschaftszucker" = Bleiacetat usw.)
oder beruflichen Handlungen
stehen. Toxine können oral, respiratorisch (Gase, Stäube),
perkutan (resorptiv) bzw. transkutan (mechanisch durch Stich-,
Biss- u.a. Verletzungen usw.) appliziert werden. Unerwünschte
Arzneimittelwirkungen lassen sich auch dieser Kategorie zuordnen.
Die Schadstoffwirkung kommt direkt oder indirekt (nach
Metabolisierung) u.a. durch Interferenz mit Enzymsystemen oder
Rezeptoren, Chelation von Metallionen, Störung des Elektronentransports,
der Erregungsleitung oder der Sauerstoffbindung (Gase!), Membranschädigung
durch Radikalbildung bzw. Detergenswirkung (Lösungsmittel!),
durch Denaturierung von Proteinen, durch Induktion fibrosierender
Bindegewebsveränderungen oder durch immunologische Reaktionen
zustande. Zahlreiche unbelebte Noxen sind mit dem Auftreten maligner
Tumoren in bestimmten, typischen Zielorganen assoziiert. Dabei
kann vom histologischen Typ des Tumors aber nicht auf die Noxe
zurückgeschlossen werden (siehe Thema
5).
Kohlenmonoxid (CO) hat eine über 200fach stärkere
Affinität zu Hämoglobin als O2.
Durch Bildung von Methämoglobin vermindert sich die O2-Transportkapazität,
es resultiert eine hypoxämische Hypoxidose, das Hautkolorit
wird hellrötlich. Die akute Vergiftung ist bei entsprechender
Dosis sofort letal, bei länger Überlebenden findet man
Nekrosen der Hirnrinde und der Basalganglien sowie ggf. auch subedokardialen
Herzmuskelnekrosen. Bei chronischer CO-Belastung, z.B. aus Zigarettenrauch,
findet man im peripheren Blut vermehrt Erythrozyten (reaktive
Polyglobulie) und dementsprechend im Knochenmark eine verstärkte
Erythropoese. Kohlendioxidvergiftungen und andere Stickgase bewirken
gleichfalls eine hypoxämische Hypoxidose. Blausäuregas
verursacht eine histotoxische Hypoxidose durch Blockierung der
Atmungskette infolge Komplexbildung mit Fe3+
der Cytochromoxidase. Narkosegase reichern sich entsprechend ihrer
Lipophilie im Fett- und Nervengewebe an. Auf die maligne Hyperthermie
als Komplikation der Halothan-Anwendung wurde oben hingewiesen.
Viele Bestandteile von Verbrennungsabgasen, wie Stickoxide
und Schwefeldioxid, aber auch Ozon, können bei der Entstehung
von Allergien synergistisch wirken. Reizgase (Lungenreizstoffe)
sind chemisch stark reagierende Stoffe, die in bestimmten Konzentrationen
Proteine denaturieren können und in Abhängigkeit von
ihrer Wasserlöslichkeit die oberen Atemwege, die Bronchien
oder die Alveolen schädigen. Ammoniak-, Salzsäure- oder
Essigsäuredämpfe setzen Nekrosen der Schleimhäute
und führen ggf. durch Glottisödem zur Erstickung. Ozon
(in hohen Konzentrationen) oder Lungenkampfstoffe schädigen
die Alveolardeckzellen und bewirken ein toxisches Lungenödem.
Säuren und Laugen wirken direkt denaturierend auf Proteine
und Nukleinsäuren. Bei entsprechender Konzentration führt
die Ätzwirkung z.B. beim Verschlucken zur Präzipitation
der Makroglobuline (Koagulations-nekrosen bei Säuren) oder
zur Verflüssigung des Gewebes (Kolliquations-nekrosen bei
Laugen).
Als Dämpfe eingeatmete, perkutan oder oral aufgenommene
Lösungsmittel und chemisch verwandte Insektizide verteilen
sich gleichfalls bevorzugt im Fettgewebe und können dort
z.T. lange gespeichert werden (z.B. DDT). Am ZNS können narkotisierende
Wirkungen beobachtet werden ("Lösungsmittel-Schnüffler"),
das morphologische Korrelat ist bei letzteren eine Atrophie auch
der Riechschleimhaut. Entfettung der Haut durch Lösungsmitteln
kann degenerativen und infektiösen Dermatosen Vorschub leisten.
Halogenierte Kohlenwasserstoffe (Chloroform u.a.: "Tetra",
Trichlorethen u.a.: "Tri") werden in der Leber dehalogeniert.
Die entstehenden Metabolite entscheiden über die Giftigkeit
der Ausgangssubstanz, wobei sich toxische Wirkungen hauptsächlich
an Leber, Nieren, Nervensystem und Herz entfalten. Tetrachlorkohlenstoff
(CCl4) läßt z.B. freie Radikale entstehen,
die zu Leberzellnekrosen und Tubulusschäden in der Niere
führen können (siehe Präparat 2).
Vinylchlorid wird gleichfalls in der Leber abgebaut, wobei das
Zwischenprodukt das Karzinogen Chlorethenoxid entsteht. Benzol
wirkt über seine Abbauprodukte myelodepressiv (Blutbildveränderungen!)
und ist mit dem Auftreten akuter myeloischer Leukämien assoziiert.
Eine besondere Gruppe respiratorischer Noxen stellen die
organischen und anorganischen Stäube dar, von denen viele
zu Berufs- bzw. Umwelterkrankungen Anlaß geben. Organische
Stäube (Pilzsporen, Bestandteile von Vogelfedern sowie Proteine
aus Insekten und Schalentieren) können als Allergene wirksam
werden (Immunreaktionen Typ I und Typ IV, siehe dort) und eine
exogen-allergische Alveolitis (bzw. Hypersensitivitäts-Pneumonitis)
bewirken. Beispiele sind die sog. Farmer- oder Vogelhalter-Lunge.
Ähnliche Erkrankungen können aber auch durch Verwendung
pilzkontaminierter Luftraumbefeuchter entstehen. Die Byssinose
(Lungenerkrankung durch Rohbaumwoll-, Flachs oder Hanffasern)
entsteht offenbar direkt toxisch durch Freisetzung von Entzündungsmediatoren,
eine Bedeutung immunologischer Faktoren ist nicht sicher. Stäube
von Eichen- und Buchenholz stehen mit der Entstehung von Adenokarzinomen
der Nasenhaupt- und nebenhöhlen im Zusammenhang, wobei der
karzinogene Mechanismus noch unklar ist.
Anorganische Stäube sind insbesondere dann pathogen,
wenn sie nicht inert sind, sondern durch chemische Reaktionen
irritierend wirken und zu Narbenbildungen und konsekutiven Umbauvorgängen
mit Verlust von Lungenparenchym führen, z.B. Quarzstaub (Silikose)
oder Hartmetallstäube. Zusätzlich zu den entzündlichen
bzw. fibrosierenden Wirkungen sind einige Stäube karzinogen,
insbesondere Asbeststaub (Asbestose, Mesotheliom).
Die meisten durch Schwermetalle hervorgerufenen Erkrankungen
entstehen aufgrund gewerblicher Verwendung nach Anreicherung und
Verarbeitung natürlich vorkommender Verbindungen. Die Schäden
treten daher überwiegend als Berufskrankheiten
oder, bei unkontrollierter Freisetzung von Abfällen, Abgasen
etc., aber auch bei sachgerechter Verwendung (Bleirohre) ggf.
als Umweltkrankheiten in Erscheinung.
Angriffsorte der chronischen Bleivergiftung sind
neben der glatten Muskulatur der Gefäße und innerer
Organe (Bleiblässe der Haut, Bleikolik) dem Nervensystem
(Bleilähmung durch Demyelinisierung, Bleienzephalopathie),
und der Niere (tubuläre Schäden, Einschlußkörper
in Tubulusepithelzellen) die Erythropoese durch Hemmung der d-Aminolävulinsäure-Dehydratase,
der Koproporphyrinogen-Decarboxylase und des Eiseneinbaus in Protoporphyrin
IX. Es entstehen eine zugleich hypochrome und mikrozytäre
sideroachrestische Anämie mit basophiler Tüpfelung der
Normoblasten und auch einzelner Erythrozyten (Brilliantkresylblau-Färbung
des Blutausstrichs). Bei mangelnder Mundhygiene entsteht aus kapillär
angeschwemmten Blei und H2S aus der Mundflora
Bleisulfid, das sich in der Gingiva als schwarzer Bleisaum um
die Zahnhälse ansammelt. An Haut und Skleren bildet sich
ein dunkles Kolorit durch Ablagerung von Koproporphyrin.
Quecksilber wird bei gewerblichem Umgang
in Dampf- oder Staubform eingeatmet. Die Verwendung in der grauen
Salbe zur Syphilistherapie ist historisch. Die akute Vergiftung
geht mit einer Gastroenteritis, gefolgt von akutem Nierenversagen
infolge von Tubulusnekrosen, einer nektotisierenden membranösen
Colitis und der Stomatitis mercurialis. Bei chronischer Vergiftung
stehen die zentralervösen Schäden (Erethismus und Tremor
mercurialis, Sprachstörungen u.a.) im Vordergrund. Am Zahnfleisch
bildet sich durch Ablagerung von HgS ein Quecksilbersaum. Akute
und chronische Vergiftungen mit organischen Quecksilberverbindungen
(als Fungizide, Saatbeizmittel, Desinfektionsmittel u.a.) führen
im wesentlichen zu schweren neurologischen Erkrankungen (Minamata-Krankheit).
Bei chronischen Vergiftungen kommen die toxischen Wirkungen freien
Quecksilbers hinzu (Nephrotoxizität).
Akute Vergiftungen mit Arsen sind selten,
sein Einsatz als Mordgift aber gut bekannt. Chronische Arsenvergiftungen
zeigen ein vielgestaltiges Krankheitsbild, wobei Hyperpigmentierungen
und Hyperkeratosen der Epidermis diagnostisch wegweisend sein
können. Das hochgiftige Gas Arsenwasserstoff (AsH3)
wirkt indirekt nach Metabolisierung zu Diarsin (AsH2)
in schon kleinen Dosen zu einer intravasalen Hämolyse, ggf.
mit akutem Nierenversagen durch Bildung von Hb-Zylindern (Bild
wie bei der "Crush-Niere", bei der die Zylinder von Myoglobin
gebildet werden).
Berylliumstäube und -dämpfe können
neben akuten toxischen Reaktionen ("Metalldampf-Fieber") chronische
granulomatöse Entzündungen (Berylliose) mit Granulomen
von Sarkoidose und Tuberkulose-Typ (siehe Entzündungen
II) induzieren.
Viele weitere Metalle und Metallsalze verursachen Berufserkrankungen
und spielen bei Umweltschäden eine Rolle. Als Beispiele seien
die Nickeldermatitis (aus Schmuck), der Haarausfall durch Thalliumsalze,
Pigmentierungen der Haut durch Gold- und Silbersalze und die Ätzwirkung
von Mangansalzen (Kaliumpermanganat-Lösung) genannt.
Neben bakteriellen Toxinen (Salmonellen-, Staphylokokken-,
Botulinus-Toxin) sind eine Reihe von Giften aus höheren (z.B.
Knollenblätterpilz) und aus niederen
Pilzen
(Aflatoxin als starkes Hepatokarzinogen, Mutterkorn-Alkaloide:
Ergotismus, St. Antonius-Brand durch Gefäßspasmen)
bekannt. Initial nützlich erscheinende Nahrungsmittelzusätze
fielen z.T. durch pathogene Wirkungen auf: Buttergelb erwies sich
als karzinogen,
Kobaltazetat als Bierschaumstablisator erzeugte eine toxische
Kardiomyopathie.
Der Alkoholgenuss beschäftigt ganze Industriezweige,
die Steuereinnehmer und das Gesundheitssystem. Ethanol (Äthylalkohol,
Weingeist) ist eine starkes Zellgift, das in der Leber über
verschiedene Stoffwechselwege (Alkoholdehydrogenase im Zytosol,
Katalase in Persoxysomen, mikrosomale Oxidation) abgebaut wird,
wobei Acetaldehyd als toxischer Metabolit entsteht. Acetaldehyd
wird über Acetyl-CoA weiter oxidiert und dann zur Neutralfettsynthese
verwendet bzw. im Citratzyklus abgebaut. Acetaldehyd hat eine
Reihe von schädlichen Wirkungen auf die Proteinsynthese in
Mitochondrien (Bildung von Riesenmitochondrien) und Ribosomen
(im Hepatozyten verminderte Lipoproteinsynthese, die auch die
Leberverfettung begünstigt), auf
das Zytosklelett (Bildung von Mallory-Körpern in Hepatozyten)
und auf zilientragendes Epithel (prädisponierend zu Bronchopneumonien).
Schließlich aktiviert es die Lebersternzellen mit der Folge
der perisinusoidalen Leberfibrose als Einstieg in den circulus
vitiosus zur Leberzirrhose. Durch Unterernährung
mit Proteinen und Vitaminen (Hypovitaminosen A, B1, B6, B12, K,
und D) kommen durch den Folsäure- und Pyridoxalmangel weitere
Faktoren zur Bildung einer sideroachrestischen Anämie bzw.
zur Begünstigung der Leberverfettung zu dem Krankheitsbild
hinzu. Durch Pyridoxalmangel entsteht auch das Wernicke-Korsakoff-Syndrom,
als dessen Korrelat eine Gliose der Corpora mamillaria zu finden
ist.
Methanol (Methylalkohol, Holzgeist) ist geschmacklich
vom Ethanol nur schwer zu unterscheiden, daher kommt es gelegentlich
zu Vergiftungen durch Verwechselung mit oder absichtliche Verdünnung
von Trinkalkohol. Die akute Vergiftung führt zu einem durch
langsamere Oxidation länger anhaltendem Rausch, durch Bildung
von Ameisensäure zu einer metabolischen Azidose und durch
unbekannte Mechansimen zu einer Sehnervenschädigung bis hin
zur Erblindung.
Medikamente haben zusätzlich zu ihren erwünschten
Hauptwirkungen unerwünschte Wirkungen. Dazu gehören
Nebenwirkungen, toxische Wirkungen bei Überdosierung, Wechselwirkungen
mit Nahrungsstoffen oder anderen Pharmaka und schließlich
allergische Überempfindlichkeitsreaktionen. Die Wirkungen
von Pharmaka können aufgrund der besonderen Enzymausstattung
eines Individuums genetisch determiniert sein (Pharmakogenetik,
Beispiel: Favismus).
Unerwünschte Wirkungen treten, auch in Abhängigkeit
vom Applikationsmodus, vornehmlich an der Haut und in Schleimhäuten,
in der Leber,
in der Lunge,
in der Niere sowie an blutbildenden Organen und dem Nervengewebe
auf.
An der Haut stehen allergische Reaktionen (allergische
Exantheme, Urtikaria durch Immunreaktionen Typ I sowie die Kontaktdermatitis
durch Immunreaktionen der Typen I und IV) im Vordergrund. Immunkomplexerkrankungen
(Typ III) können initial urtikarielle Symptome und dann bullöse
Reaktionen bis hin zum Lyell-Syndrom (Epidermolysis bullosa) auslösen.
Fixe Exantheme gehen mit Pigmentverschiebungen, die langsam abklingen
und an gleicher Stelle nach erneuter Exposition wieder auftreten,
einher. Indirekte phototoxische oder -allergische Reaktionen treten
an lichtexponierten Stellen auf.
Viele Medikamente werden in der Leber
metabolisiert und sind in diesem Organ entweder direkt oder indirekt
toxisch für Hepatozyten oder auch für Gallengangsepithelzellen,
hepatische Endothelzellen unterschiedlicher Lokalisation, Kupfferzellen
oder Sternzellen. Das morphologische Spektrum ist sehr variabel.
Mitunter verursachen einzelne Stoffe in verschiedenen Individuen
unterschiedliche Schädigungsbilder, was zumindest z.T. auf
pharmakogenetische Variabilität zurückzuführen
ist. Die Vielfalt der Veränderungen und die Ähnlichkeit
mit viralen, immunologischen u.a. Lebererkrankungen unterstreicht
die Notwendigkeit einer ausführlichen Medikamentenanamnese
und Berufsanamnese in allen Fällen unklarer, aber auch vermeintlich
klarer Lebererkrankungen und zeigt auch, daß ohne klinische
Angaben eine adäquate histopathologische Diagnostik nicht
möglich ist.
Die Wirkungen von Medikamente auf die Lungen
sind gleichfalls morphologisch heterogen. Einige Substanzen wirken
auf das Bronchialepithel und die Alveolardeckzellen direkt toxisch
und lösen eine chronische interstitielle Pneumonie aus, andere
rufen eine eosinophile Pneumonie oder Lungenfibrosen mit oder
ohne begleitende Entzündung hervor. Einige Medikamente bewirken
Immunreaktionen der Typen I, III und IV (allergische Alveolitis),
andere rufen primäre pulmonale Vaskulopathien hervor.
Die Niere kann primär oder sekundär durch
Medikamente geschädigt werden. Immunkomplex-bildende Substanzen
oder direkt eine Antikörper-vermittelte Immunreaktion bewirkende
Pharmaka setzen glomeruläre und/oder Gefäßschäden,
andere sind primär tubulotoxisch oder wirken fibrogen nach
Resorption und Transport in das Interstitium. Für einen erheblichen
Teil der Fälle dialysepflichtiger Niereninsuffizienz ist
die Analgetika-Nephropathie durch Phenacetin und Paracetamol verantwortlich.
Nach langjähriger Einnahme mit kumulativen Dosen im kg-Bereich
bewirkt Paracetamol eine chronische interstitielle Nephritis mit
Kapillarosklerose im Nierenmark und in der Nierenbeckenschleimhaut,
die weiter zur aseptischen Papillennekrose führt. Das Inzidenz
von Transitionalzellkarzinomen des Nierenbeckens ist erhöht.
Einzelne Pharmaka haben einen direkten toxischen Effekt
auf alle drei oder isoliert auf einzelne Reihen der Blutbildung.
Andere Medikamente induzieren die Bildung kreuzreagierender Antikörper
mit der Folge von Überempfindlichkeitsreaktionen Typ II im
Sinne einer hämolytischen Anämie, Agranulozytose oder
Thrombozytopenie. Am Knochenmark finden sich dementsprechend entweder
hyperregeneratorische Phänomene oder eine Aplasie der entsprechenden
Reihen. Die durch Primaquin ausgelöste hämolytische
Anämie bei Individuen mit Glucose-6-Phosphat-Dehydrogenase-Mangel
ist eine gutes Bespiel für genetisch determinierte Nebenwirkungen
von Pharmaka.
Am peripheren Nervensystem führen verschiedene Medikamente
und Gifte zu Schäden am Perikaryon, den Axonen, den Markscheiden
oder dem interstitiellen Bindegeweben mit der Folge neuronaler,
axonaler, demyelinisierender ind interstitieller Polyneuropathien.
Am Zentralnervensystem können selektive Nekrosen, Entmarkungen
oder Speicherdystrophien unterschieden werden.
 Exogene
Fremdkörper, die nicht oder nur verzögert abgebaut
werden können, wie Seeigelstachelspitzen, Stechrüssel
von Zecken, Insektenstachel, Dornen, textiles Material wie Nahtfäden,
Abriebmaterial von Endoprothesen, ausgelaufenes Silikonöl
aus Mamma-Implantaten, parenteral als "Streckungsmittel" von Drogen
verabreichtes Talkumpuder oder auch vergessene Tupfer und Bauchtücher
bewirken Fremdkörperreaktionen. Vielfach kommt es dabei zur
Ausbildung von Fremdkörpergranulomen
mit mehrkernigen Riesenzellen, die eine ungeordnete Kernlagerung
zeigen (Riesenzellen vom Fremdkörpertyp), seltener zu "schaumzelligen"
Reaktionen mit Speicherung in wabig abgewandelten Makrophagen.
Die Beziehung zwischen einem Krankheitserreger, also einer
belebten Noxe bzw. einem Virus, und dem Wirtsorganismus läßt
sich durch folgende Begriffe kennzeichnen:
Die Empfänglichkeit des Wirts für die
jeweilige Infektion, seine momentane oder dauernde Neigung zur
Infektion (Disposition, prädisponierende Faktoren)
und seine Fähigkeit, eine Abwehrreaktion aufzubauen
(Immunität) gekennzeichnet. Von Seiten des Erregers sind
die durch die Begriffe Infektiosität bzw. Kontagiosität,
also die Fähigkeit zur Verbreitung und Infektion, seine Pathogenität,
also die Fähigkeit Krankheiten zu erzeugen, und die Virulenz,
also das Ausmaß der krankmachenden Eigenschaften des einzelnen
Erregers, zu nennen.
Die Haut und die Schleimhäute des menschlichen Organismus
werden durch eine natürliche mikrobielle Flora besiedelt,
deren Fehlen oder Störung von Besiedelung durch potentiell
krankmachende Erreger (Parasiten) zur Folge hat. Mikroorganismen,
die keinen direkten Nutzen bringen, aber auch nicht krankmachend
sind, bezeichnet man als Saprophyten, nützliche Mikroorganismen
als Kommensalen ("Tischgenossen", z.B. Döderleinsche Bakterien).
Im gängigen Sprachgebrauch ist der Begriff Parasit aber für
nichtvirale, nicht-bakterielle und nicht-mykotische Erreger reserviert,
also Einzeller, Würmer, Algen, Spinnentiere und Insekten.
Für bestimmte Infektionskrankheiten und Geschlechtskrankheiten
existieren differenzierte Meldepflichten für den Verdacht
auf das Vorliegen, die Erkrankung und den Tod an der Erkrankung
oder das chronische Ausscheiden des Erregers. Für die HIV-Infektion,
eine Infektions- und Geschlechtskrankheit par excellence, gilt
dies allerdings nicht.
Viren
als hochmolekulare Partikel aus Nukleinsäuren, Proteinen
und ggf. auch Membrananteilen einer Wirtszelle verfügen über
keinen eigenen Metabolismus und sind daher obligate intarzelluläre
Krankheitserreger. Die Erbsubstanz ist DNA oder RNA in einzel-
oder doppelsträngiger Form, an meist charakteristische Viruskernproteine
(core) gebunden. Weitere ultrastrukturelle Merkmale werden ggf.
durch die Hüllmembran (envelope) geliefert. Viren binden
spezifisch an Membranmoleküle einer Wirtzelle, wodurch sich
bereits die Spezies-Spezifität und der Organo- bzw. Zytotropismus
der Viren erklären. Nach der Adsorption des Virus folgt dessen
Aufnahme in die Wirtzelle, die Freilegung des Virusgenoms und
der die Expression viraler Genprodukte, die Vermehrung des Virusgenoms,
der Zusammenbau neuer Viruspartikel und schließlich deren
Freisetzung durch Lyse, Ausschleusung oder Knospung ggf. unter
Mitnahme von Membranbestandteilen der Wirtszelle. Für das
jeweilige Virus typisch ist der Ablauf der Infektion, die in Abhängigkeit
von verschiedenen Faktoren als asymptomatisch bis letal, akut
oder chronisch, persistierend, latent, lytisch, produktiv, replikativ,
mit oder ohne Ausbildung lebenslanger Immunität und in letzterem
Falle rezidivierend, oder aber transformierend beschrieben werden
kann. Nach Infektion produziert die betreffende Zelle Interferon
als einen Mediator unspezifischer antiviraler Immunität.
Interferone (a-, b-
und g-), hemmen die transkriptionelle
Aktivität und damit die Virusreplikation in später infizierten
benachbarten Zellen.
Viele Viren bewirken einen direkten zytopathischen Effekt mit
irreversibler Schädigung und ultimativer Lyse der Zelle unter
Freisetzung neuer Viren. Dieser Infektionstyp findet sich oft
am Anfang einer Auseinandersetzung des Organismus mit einem Virus.
Es kommt daher zu einer Virämie, die zur Infektion zahlreicher
Zellen und damit spätestens dann zu Krankheitssymptomen,
aber auch zur Einleitung einer immunologischen Abwehrreaktion
führt. Ein gutes Besipiel für die direkte zytopathische
Wirkung von Viren mit lytischen Infektionsmodus sind Rhinoviren,
die den gewöhnlichen Schnupfen hervorrufen. Ein Beispiel
solcher zytopathischer Effekte, die zugleich mit einer charakteristischen
Morphologie verbunden sind, ist die Infektion mit dem Dellwarzen-
(Molluscum contagiosum)-Virus. Viren, deren einzige
Zielspezies der Mensch ist, gehen mit ihrem Wirt "pfleglicher"
um als z.B. Affenviren, die im Menschen akut verlaufende, oft
tödliche hämorrhagische Fiebererkrankungen (Lassa-,
Ebola-, Gelbfieber usw.) mit ausgedehnten Endothelschäden
bewirken.
 Andere
Viren wirken nicht unmittelbar zytopathisch, vielmehr kommen diese
Effekte durch die anlaufende Immunreaktion mit Bildung einer Antikörper-
oder Zell-vermittelten zytotoxischen Reaktion zustande. Dieses
ist beim Hepatitis B-Virus (HBV), das befallenen Hepatozyten durch
Vermehrung des Virus-Proteine produzierenden endoplasmatischen
Retikulums den Aspekt von sog. Milchglaszellen verleiht,
der Fall. Die Immunreaktion gegen an der Zelloberfläche präsentierte
Virusproteine führt zur Lyse der betroffenen Zellen durch
zytotoxische T-Zellen. Das HBV ist zugleich ein gutes Beispiel
in seiner Funktion als Helfervirus. Das Hepatitis D-Virus (HDV)
bedarf des HBs-Antigens zur Vervollständigung seiner Hülle.
Daher ist eine HDV-Infektion nur zeitgleich mit oder auf dem Boden
einer chronischen HBV-Infektion möglich.
  
Einige Viren, insbesondere Herpesviren, können bei nur minimaler
Expression viraler Gene der Immunabwehr entkommen und sich in
Form einer latenten Infektion in der Wirtszelle "verstecken".
Transformierende Eigenschaften haben humanpathogene Viren gewöhnlich
nur im Kontext einer Immunschwäche. Akut transformierende
Viren, die nach Infektion obligat maligne Tumoren erzeugen, gibt
es beim Menschen nicht, wohl aber bei Spezies, deren Generationszeit
kürzer ist als die das Intervall zwischen Infektion und Tod
an der Tumorerkrankung (z.B. Rous-Sarkom-Virus der Hühner).
Verschiedene humanpathogene Viren sind jedoch in der Lage, gutartige
Tumoren bzw. Zellproliferationen zu induzieren (Warzen und Kondylome
durch Papillomviren), die Apoptose von Zellen zu verzögern
oder gar beide Wege zu beeinflussen (z.B. Immortalisierung von
Lymphozyten durch das Epstein-Barr-Virus).
  
Andere morphologisch faßbare zytopathische Effekte sind
die Ausbildung mehrkerniger Riesenzellen (z.B. mehrkernige Warthin-Finkeldey'sche
Riesenzellen bei Masern) oder die Bildung zytoplasmatischer (z.B.
Varizella-Zoster-Virus) bzw. nukleärer Einschlüsse (z.B.
Eulenaugenzellen bei Zytomegalievirus-Infektion).
  
Eine besondere Infektion bewirken Retroviren, RNA-Viren, die
in Form einer durch reverse Transkriptase produzierten und in
das Wirtszellgenom integrierten DNA-Kopie des Virusgenoms, des
Provirus, eine latente Infektion verursachen. Exogene Retroviren
benötigen einen Rezeptor, den für das Humane Immundefizienzvirus
(HIV) das CD4-Molekül auf T-Helfer-Lymphozyten und verschiedenen
anderen Zelltypen darstellt. Endogene Retroviren stellen solche
Retroviren dar, deren Genom vor Urzeiten in die menschliche Keimbahn
gelangt ist und die daher wie ein menschliches Gen weitervererbt
werden. Diese Viren verfügen über keinen Rezeptor auf
menschlichen Zellen mehr, sie können also aus der Zelle heraus,
aber in keine wieder herein. Expression von Proviren einer derartigen
Retrovirusfamilie, HERV-K, sind mit Keimzelltumoren und möglicherweise
auch einigen Autoimmunerkrankungen assoziiert.
Zwar verfügen Bakterien
als einzellige Prokaryonten über einen eigenen Stoffwechsel,
dennoch sind als Krankheitserreger nicht nur extra- sondern auch
intrazelluläre Bakterien von Bedeutung. Die pathogenen Wirkungen
kommen durch direkte Zell- und Gewebsschädigung (invasive
Forme) und/oder durch Toxinwirkung zustande. Bakterien gelangen
durch Verletzungen und Wunden in das Gewebe oder besiedeln Haut
bzw. Schleimhäute durch Verdrängung der ortstypischen
körpereigenen Flora. Die Adhäsion von Bakterien wird
durch die Interaktion bakterieller, ggf. pilärer Proteine
mit Oberflächenmolekülen von Körperzellen vermittelt.
Diese Moleküle sind zumeist Glykokonjugate, also Glykoproteine
bzw. Glykolipide. Die individuell unterschiedliche Ausstattung
mit solchen Glykokonjugaten kann daher für bestimmte bakterielle
Infektionen prädisponieren. Glykokonjugate sind auch die
Zielstruktur für eine Reihe bakterieller Exotoxine. So bindet
das Cholera-Toxin z.B. an das GM1-Gangliosid. Einige bakterielle
Exotoxine sind nicht von den bakteriellen Genom, sondern von Bakteriophagen
kodiert, z.B. das erythrogene Toxin bei Scharlach. Der Nachweis
des Toxins oder seiner Wirkung ist damit Ausdruck einer Virusinfektion
des Bakteriums. Endotoxine sind Zellwandbestandteile von Bakterien,
wobei einzelne Strukturen einerseits direkt Komplement über
den alternativen Weg aktivieren können und andererseits hochpotente
Antigene darstellen können, die z.T. als Immunstimulantien
Verwendung finden. Die Abwehr bakterieller Infektionen erfolgt
initial unspezifisch:
- durch Enzyme, die Zellwandbestandteile angreifen
(Lysozym),
- durch die Ausstattung von Oberflächen
mit einem Fettmantel (Haut) oder durch einen geringen pH-Wert
von Schleimhäuten (Vaginalmilieu),
- durch die Förderung einer nicht-pathogenen
ortständigen Flora,
- durch unspezifische humorale und zelluläre
Mechanismen des Immunsystems (Properdin, Komplement, Granulozyten,
NK-Zellen, Makrophagen) und schließlich
- durch spezifische humorale (Antikörper)
und zelluläre Reaktionen (T-Lymphozyten), letztere als
Voraussetzung für die Bildung von Granulomen.
Folgeerkrankungen einer bakteriellen Infektion können sich
durch Induktion kreuzreagierender Antikörper bzw. einer Immunkomplexkrankheit
bei chronischer Infektion (beides z.B. als Folge von Streptokokken-Infekten)
oder durch die Induktion zellulärer Autoimmunreaktionen (z.B.
Borreliose-Arthritis) ergeben.
Hinsichtlich der Ausbreitungswege einer bakteriellen Infektion
sind neben der lokalen (z.B. Ulkus, Phlegmone), die kanalikuläre
(bronchogene, cholangiogene, ureterale), die kavitäre (Empyem,
Pyothorax, Pyaskos), lymphogene (Lymphangitis) oder hämatogene
(Bakteriämie, Pyämie, pyämische Streuung) Ausbreitungsformen
zu erwähnen.
Pilzinfektionen
  
 
Pilze
sind niedere Pflanzen, die kein Chlorophyll bilden und sich durch
Abbau organischer Substanzen ernähren. Durch Pilze verursachte
Erkrankungen umfassen drei Gruppen: Mykosen stellen direkt durch
Pilzbesiedelung des menschlichen Organismus hervorgerufenen Erkrankungen
dar. Mykotoxikosen entstehen durch Giftwirkung von Stoffwechselprodukten
eines Pilzes (Phalloidin, Amanitin, Aflatoxin etc.). Pilze produzieren
eine Reihe biologisch aktiver Stoffe (z.T. genutzt als Antibiotika
oder Immunsuppressiva), die ebenso wie Sporen und andere Pilzbestandteile
als Allergene eine Rolle spielen können (Mykoallergosen).
Pilze wachsen in Form eines Myzels (verzweigte Fäden, M-Form)
oder durch Sprossung (häufig bei Hefen, Y-Form). Viele humanpathogene
Pilze können sowohl in der M- als auch in der Y-Form auftreten.
Die Zellwände lassen sich am Schnittpräparat durch die
PAS-Färbung oder durch Versilberungsreaktionen darstellen.
Die meisten potentiell humanpathogenen Pilze sind nur wenig pathogen
und verursachen als opportunistische Keime Erkrankungen nur bei
besonderer Disposition (z.B. Granulozytendefekte, erworbene Immunschwäche,
Diabetes mellitus). Die Immunabwehr stützt sich auf verschiedene
Zelltypen, insbesondere aber auf T-Zellen. Candida- und Aspergillus-Arten
bewirken Nekrosen der näheren Umgebung, wodurch z.B. die
Anflutung von Antimykotika behindert wird. An belüfteten
Schleimhäuten (Bronchien, Trachea) können dabei Sporenträger
(Sporangien, z.B. bei Aspergillus-Infektion) ausgebildet werden.
Auf dem Wege zur Luft durchwächst der Pilz auch derbes Bindegewebe
und Knorpel auf direktem Wege, wobei auch Blutgefäße
befallen werden können. Auf diese Weise ist dann eine hämatogene
Aussaat von Pilzelementen möglich (Pilzsepsis).
  
 
Protozoen
sind einzellige Eukaryonten mit z.T. komplexen Lebens- und Vermehrungszyklen,
die als Kontaminanten von Nahrung und Trinkwasser oder durch Vektoren
(z.B. Blutsauger) in den menschlichen Organismus gelangen und
sich dort luminal-kanalikulär, hämatogen oder intrazzellulär
verbreiten und ansiedeln. Die Immunreaktionen gegen Protozoen
sind einerseits unspezifisch (neutrophile und eosinophile Granulozyten),
andereseits spezifisch mit Betonung humoraler, gegen Oberflächenantigene
gerichteter Immunität (z.B. bei Plasmodien, Sporozoiten,
Trypanosomen) oder zellulärer Immunmechanismen (vor allem
bei intarzellulären Protozoen, wie Leishmanien oder Trypanosomen).
Dementsprechend sind immunkompromittierte Individuen für
Protozoonosen prädiponiert.
  
  
  
Übertragungswege der Saug-,
Band- und Fadenwürmer sind meist komplex und beziehen
mindestens einen Zwischenwirte ein. Oft handelt es sich dabei
um blutsaugende Insekten. Der Mensch ist nicht notwendigerweise
der Endwirt. Insbesondere, wenn der Endwirt ein Carnivore ist
(so beim Hunde-, Fuchs- und Schweinebandwurm oder der Trichine),
ist die Erkrankung durch die Dissemination von Zystizerken, Skolizes
u.a. gekennzeichnet, die in inneren Organen oder der Muskulatur
infiltrativ bzw. verdrängend wachsen bzw. im Zuge der Abwehrreaktion
Narben und andere Schäden setzen. Die Abwehr von Helminthen
ist z.T. zellulär unspezifisch durch eitrige und eosinophilenreiche
Infiltrate gekennzeichnet. Die spezifische Abwehr richtet sich
zumeist gegen Oberflächenantigene, die in einzelnen Spezies
aber offenbar im Sinne einer Ausweichreaktion des Parasiten variiert
werden können. Allergische Reaktionen auf Antigene von Damparasiten
können die Peristaltik verstärken und damit zum Abgang
eines Wurms beitragen. Diese Reaktion ist beim Zwergfadenwurm
aber meist wenig erfolgreich, da dieser die Kolonkrypten besiedelt.
Immungeschwächte
können nicht nur von den o.g. Parasiten, sondern auch von
der Alge Prototheca heimgesucht werden. Abgesehen von der Giftwirkung
des Stichs oder Bisses mancher Spinnen und Insekten
( Schwarze Witwen, Skorpione, Bienen, Hornissen etc.) haben viele
Insekten (Läuse, Flöhe, Mücken) und Spinnentiere
(Zecken, Milben), die die menschliche Haut entweder dauerhaft
oder nur während einer Blutmahlzeit bewohnen, eine besondere
Bedeutung als Überträger (Vektoren)
viraler, bakterieller oder parasitärer Erkrankungen.
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