Thema 1: Anpassungsreaktionen |
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Zellen, Gewebe und Organe können sich an eine erhöhte
oder verminderte Leistungsanforderung anpassen. Die Veränderungen
können aufgrund physiologischer Bedürfnisse oder aufgrund
krankhafter Veränderungen erfolgen und sind potentiell reversibel,
sofern keine Veränderung der Organ- oder Gewebsarchitektur,
also ein Umbau, damit verbunden ist. Gewebe können ferner
in topographisch atypischer Weise ausdifferenzieren.
Hypertrophie und Hyperplasie
  
Die Anpassung an einen erhöhten Leistungsbedarf wird je
nach Zell- bzw. Gewebstyp durch Hypertrophie oder Hyperplasie
erreicht. In vergrößerten Organen können Hypertrophie
und Hyperplasie nebeneinander bestehen. Unter der Hypertrophie
wird eine Vergrößerung der Zellen, verbunden mit einer
Vermehrung von z.B. Organellen oder kontraktilen Strukturen, verstanden.
Beispiele sind die Vergrößerung der Skelettmuskulatur
durch Arbeit, die Vergrößerung des Herzen durch Zunahme
des Volumens, nicht aber der Anzahl der Kardiomyozyten, oder die
Vergößerung glatter Muskelzellen z.B. in der Harnblasenwand
bei Obstruktion der Urethra. Eine Hypertrophie kann durch Kompensation
eines Defekts (kompensatorische Hypertrophie, z.B. im verbliebenen
Myokard nach Herzinfarkt) oder aufgrund einer hormonellen Stimulation
(endokrine Hypertrophie) eintreten. Eine Hypertrophie liegt nicht
vor, wenn Zellen aufgrund einer Zellschädigung anschwellen,
z.B. durch Zellhydrops oder Zellverfettung, bei Speicherkrankheiten
usw.
  
Mit dem Begriff der Hyperplasie wird eine Organvergrößerung
oder Gewebsvermehrung aufgrund einer Erhöhung der Zellzahl
verstanden. Dies wird durch eine lolale Proliferation bzw. durch
Einwanderung der betreffenden Zellen erreicht. Die Zellgröße
bleibt normal. Als Beispiele seien hier die Hyperplasien im lymphohämatopoetischen
System oder in endokrinen Organen genannt: Hyperplasie der Lymphknoten,
des extranodalen lymphatischen Gewebes, der Milz, des Thymus oder
des Knochenmarks gehen mit einer Vermehrung der lymphatischen
Zellen, der blutbildenden Zellen, der akzessorischen Zellen usw.,
nicht aber mit einer Zunahme des jeweiligen Zellvolumens einher.
Entsprechendes gilt für endokrine Organe: eine Funktionssteigerung
der Nebennierenrinde, der Schilddrüse, der Nebenschilddrüsen
oder des APUD-Systems usw. wird durch eine Vermehrung der betreffenden
sekretorisch aktiven Zellen erreicht.

Hyperplasien können auf Belastung (Hyperplasie z.B. der
Epidermis, der Mundschleimhaut), chronische Infektionen (Lymphknoten),
Kompensationsphänomene (Restdrüsengewebe nach Resektion)
oder hormonelle Stimulation zurückgeführt werden. Hyperplasien,
die durch hormonelle Reize ausgelöst wurden, liegen infolge
des unterschiedlichen Ansprechens der Zielzellen oft in knotiger
(nodulärer) Form vor, wie z.B. in der Schilddrüse bei
Struma nodosa oder bei der benignen Prostatahyperplasie. Die Hyperplasie
eines Organs kann durch Hyperplasie auch verschiedener Zell- oder
Gewebstypen erreicht werden: in der Prostata kann man eine glanduläre
und eine fibromuskuläre Hyperplasie unterscheiden, die unabhängig
voneinander ausgeprägt sein können.
Atrophie, Hypoplasie, Involution
Die Anpassungsreaktion an einen herabgesetzten Leistungsbedarf
mit der Folge einer Organ- oder Gewebsverkleinerung bezeichnet
man als Atrophie, wenn diese wesentlich auf die Verminderung des
Zellvolumens zurückzuführen ist, und als Hypoplasie
(oder numerische Atrophie), wenn eine Verminderug der Zellzahl
vorliegt. Entwicklungs-, schwangerschafts- und altersassoziierte
Formen der Atrophie und Hypoplasie werden auch mit dem Begriff
Involution belegt. Eine scharfe Trennung ist im Einzelfall nicht
immer möglich.
Generalisierte Formen der Atrophie betreffen das Altern (Altersatrophie)
oder den Hungerzustand (Inanitionsatrophie: Atrophie des Fettgewebes,
Reduktion der Proteinmasse bei Kwashiorkor).
Lokalisierte Atrophieformen sind die Inaktivitätsatrophie
(z.B. Skelettmuskulatur nach Fraktur einer Extremität), die
Druckatrophie (z.B. läppchenzentrale Leberzellbälkchen
bei Blutstauung), die trophoneurotische Atrophie (Muskulatur nach
Denervierung), die vaskuläre Atrophie (z.B. Zahn’scher
(Pseudo-)Infarkt der Leber, Subinfarkt der Niere) oder die Involutionsatrophie.
Mit dem Begriff der Involution werden Zustände der numerischen
und/oder strukturellen Atrophie belegt, wie das Verschwinden embryonaler
Strukturen (Ductus Botalli, Nabelgefäße, Ductus thyreoglossus
etc.), die Rückkehr eines Organs zur Normalgröße
(Uterus nach Schwangerschaft, Mamma nach Laktation), oder auch
die altersentsprechende Verkleinerung des Thymus in der Pubertät
oder des Ovars in der Menopause.
Die Atrophie bzw. die Hypoplasie gehen oft mit einem Organellenschwund
und dem Auftreten von degenerativ abgewandelten Organellen wie
z.B. Riesenmitochondrien einher. Makroskopisch macht sich u.U.
an Stelle des verkleinerten Funktionsgewebes Vakatfett (z.B. in
der Umgebung des Nierenbeckens einer Schrumpfniere, innerhalb
der Kapsel von Lymphknoten) bewerkbar.
Als Mechanismen der Zellverminderung kommen die Auswanderung
oder das Absterben durch Apoptose (siehe Thema 10) in Frage. Hinsichtlich
der molekularen Ursachen des Alterns sind die Verkürzung
von Telomeren (siehe Telomerase, Thema 10) und das Krankheitsbild
der Progerie von Interesse.
Die Begriffe der Aplasie (die ungenügende Ausbildung eines
Organs) und der Agenesie (fehlende Organanlage) werden im Zusammenhang
mit der Entwicklungspathologie besprochen.
Metaplasie
  

Unter einer Metaplasie wird die Umwandlung eines differenzierten
Gewebes in ein ähnliches, verwandtes, jedoch funktionell
meist ungenügendes Gewebe verstanden. Ursachen können
eine chronische Irritation, z.B. durch Druck oder Entzündung
sein.
Die bekanntesten Beispiele betreffen das Epithel, so die Plattenepithelmetaplasie
in respiratorischem Epithel bei Rauchern, in Speicheldrüsen-Ausführungsgängen
oder im Urothel bei Lithiasis, die Zylinderepithelmetaplasie des
Ösophagus bei Refluxerkrankung (Barrett-Schleimhaut) oder
die intestinale Metaplasie der Magenschleimhaut. Metaplasien treten
aber auch in mesenchymalen Geweben auf, so die metaplastische
Verknöcherung (z.B. bei Myositis ossificans) oder die metaplastische
Bildung reifen Fettgewebes (Lipomatose).
Die Metaplasie muß von der Heterotopie (d.h. keine Umwandlung,
das betreffende Gewebe war schon immer an der "falschen Stelle"
vorhanden gewesen: heterotope Magenschleimhaut im Duodenum, heterotopes
Pankreasgewebe in der Magenwand, heterotopes Hirngewebe in der
Nasenschleimhaut usw.) unterschieden werden. Unter der Dysplasie
werden klonale genomische Veränderungen, die sich zytomorphologisch
und ggf. auch gewebsarchitekturell erkennbar machen, verstanden.
Die Dysplasie kann gerade auch auf dem Boden einer Metaplasie
auftreten, da mutagene Reize (z.B. Zigarettenrauch) sowohl eine
Metaplasie als auch eine Dysplasie bewirken können. Dysplasien
sind fakultative Präkanzerosen (siehe Kapitel Tumor).
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