Tumoren I (Grundlagen)

Einleitung

Auf Hippocrates und Galen geht der Gebrauch des Begriffs tumor im Sinne einer entzündlichen Schwellung zurück. Der heutige übliche Sprachgebrauch versteht unter einem Tumor jedoch weniger ein Entzündungszeichen als vielmehr eine Schwellung auf dem Boden einer Neoplasie. Wesentliches Merkmal des neoplastischen Wachstums ist die Autonomie. Die Zellvermehrung wird nicht wie bei einer Entzündung oder einer Anpassungsreaktion durch äußere Reize bestimmt, sondern gründet sich auf genetische Veränderungen, die es der Tumorzelle erlauben, ohne weitere Rücksicht auf die Umgebung zu proliferieren, Apoptose-Signale zu ignorieren, sich der immunologischen Abwehr zu entziehen und ggf. sogar infiltrierend zu wachsen und zu metastasieren. Die Folge ist eine unterschiedlich schnelle Zunahme der Zellmasse, die sich klinisch direkt z.B. durch eine palpable Raumforderung oder indirekt durch abnorme Produkte der Tumorzellen, z.B. Hormone, bemerkbar macht.

Es lassen sich gutartige (benigne) von bösartigen (malignen) Neoplasien unterscheiden

Bösartige Neoplasien (“Malignome”) werden allgemein auch mit dem Begriff “Krebs” belegt, dessen Ursprünge dunkel sind. Mutmaßlich weist dieser Begriff (lat. cancer = Krebs) darauf hin, dass man die Erkrankung genau so schlecht abschütteln kann wie einen Krebs, der sich in ein Körperteil verbissen hat….. Das Gebiet der Medizin, das sich der Erforschung und Therapie von Neoplasien beschäftigt, heißt Onkologie (gr. onkos=Geschwulst).

Riesenzelltumor des Knochens

Alle Tumoren, ob gut- oder bösartig, bestehen aus mindestens zwei Komponenten, nämlich den autonom wachsenden Tumorzellen im eigentlichen Sinne, und einem Stroma, das sich aus Bindegewebe, Blutgefäßen, entzündlichen Zellinfiltraten u.a. Komponenten zusammensetzt. Das Stroma wird durch die neoplastische Tumorkomponente wesentlich beeinflusst. Tumoren mit spärlichem Stroma sind gewöhnlich weich und fleischig, während Tumoren mit einer deutlichen Bindegewebskomponente von eher derber Konsistenz sind. Die Ausbildung einer kollagenreichen Stromakomponente bezeichnet man als Desmoplasie. Die Neubildung von Blutgefäßen, die den Tumor versorgen, wird Tumorangiogenese oder Neoangiogenese genannt.

Gutartige und bösartige Tumoren

Ein wichtiges Ziel der pathologischen Untersuchung eines Tumors ist, zu einer verlässlichen Aussage zur Dignität, also hinsichtlich des zu erwartenden Tumorverhaltens, zu gelangen. Ein maligner Tumor, der invasiv und destruierend wächst und ggf. auch das Potential zu metastasieren hat, wird meistens eine andere Behandlung erfordern als ein benigner Tumor. Es werden vordringlich folgende Aspekte beurteilt: (1) das lokale Ausbreitungsverhalten, (2) das Ausmaß der Differenzierung, (3) die Proliferationsrate und (4) das Vorhandensein von Metastasen.

Fast alle gutartigen Tumoren zeigen ein expansives, verdrängendes Wachstum mit zumindest makroskopisch scharf begrenzten Rändern. Aufgrund des meist langsamen Wachstums sind sie von einer bindegewebigen Pseudokapsel umgeben. Die benachbarten Gewebe und Zellen zeigen oft eine Druckatrophie. Häufig lassen sich solche Tumoren aus ihrer Pseudokapseln ausschälen (enukleieren). Abhängig von ihrem Sitz können jedoch auch gutartige Tumoren z.T. lebensbedrohliche Symptome hervorrufen, nämlich dann, wenn sie zu Kompressionssyndromen oder schweren Blutungen führen oder aber eine endokrine Symptomatik verursachen.

Mit dem Begriff Differenzierung wird der Grad der morphologischen und funktionellen Ähnlichkeit der Tumorzellen zu einem Muttergewebe bezeichnet. Die Zellen gutartiger Tumoren sind auf Einzelzellebene von Zellen des ausdifferenzierten Ursprungsgewebes nicht oder nur schwer zu unterscheiden. Erst die Tatsache der Tumorbildung und die Anordnung der Tumorzellen führen zur Diagnose einer Neoplasie. Dementsprechend sind die Kerne der Zellen wie im Ursprungsgewebe meist von gleicher Größer, die Kern-Plasma-Relation entspricht derjenigen nicht-neoplastischer Zellen.

Viele gutartige Tumoren wachsen langsam und zeigen daher nur relativ wenige Mitosefiguren. Dennoch ist die Mitosefrequenz allein kein verlässliches Kriterium zur Unterscheidung benigner und maligner Tumoren. Adenome des Dickdarms weisen z.B. oft zahlreiche Mitosen auf und zeigen eine hohe Wachstumsfraktion. Ein wichtiges Hilfsmittel zur Bestimmung der Wachstumsfraktion ist der Ki-67-Index. Die monoklonalen Antikörper Ki-67 und MIB-1 erkennen ein Proliferations-assoziiertes Kernantigen in denjenigen Zellen, die sich außerhalb der G0-Phase des Zellzyklus befinden. Apoptosefiguren, also Zellen, die einen programmierten Selbstmord verübt haben, sind in gutartigen Tumoren abwesend oder zumindest sehr selten.

Bei gutartigen Tumoren fehlen eine Invasion des umgebenden Gewebes durch einzelne Tumorzellen oder Tumorzellverbände oder deren Einbruch in Blut- und Lymphgefäße. Diese Fähigkeiten sind eine Voraussetzung für die Bildung lymphogener und/oder hämatogener Absiedlungen (Metastasen).

Gutartige Tumoren wachsen lokal expansiv und meist langsam, können aber durchaus aufgrund von Kompressionssyndromen oder durch abnorme Produkte Komplikationen verursachen. In der Histologie sind sie hochdifferenziert, Mitosen sind selten, die Zell- und Kernformvarianz ist gering, und die Kern-Plasma-Relation ist allenfalls gering erhöht

Bösartige Tumoren zeigen eine unterschiedlich weitgehende Ähnlichkeit mit ihrem Ursprungsgewebe: Gut (hoch-)differenzierte Tumoren sind dem Muttergewebe ähnlich. Bei schlecht (niedrig) differenzierten oder gar undifferenzierten Tumoren ist ggf. gar keine Ähnlichkeit mit einem Ursprungsgewebe vorhanden. Mittelgradig differenzierte Tumoren liegen dazwischen. Bei einem völligen Verlust der Differenzierung, der Anaplasie, spricht man auch von anaplastischen Tumoren. Die Abnahme der Differenzierungsleistung geht mit verschiedenen morphologischen und funktionellen Veränderungen einher. Die Orientierung der Kerne in einem Zellverband, die Kernpolarität, variiert in einem hochdifferenzierten Tumor geringer als in einem weniger gut differenzierten Tumor. Die Zellen eines schlecht differenzierten oder eines undifferenzierten (anaplastischen) Tumors zeigen eine verstärkte Zell- und Kernformvarianz, dabei sind die Kerne gewöhnlich hyperchromatisch (d.h, sie färben sich in der Standardfärbung stärker blau), das Chromatin ist unregelmäßig verteilt und verklumpt, die Nukleolen sind vergrößert. Schlecht differenzierte Tumoren können auch Tumorriesenzellen mit mehreren Kernen ausbilden. Der Nachweis von Kernatypien ist dabei wichtig zur Abgrenzung von mehrkernigen Riesenzellen vom Typ der Langhans- und Fremdkörperriesenzellen. Der Grad der Differenzierung wird numerisch auf einer Skala von 1 bis 4 angegeben, entsprechend hoch-, mittelgradig, niedrig und undifferenzierten Tumoren. Die Kriterien zur Graduierung variieren zwischen verschiedenen Tumorentitäten. In der Mehrzahl der Tumoren werden sowohl architekturelle als auch nukleäre Eigenschaften bewertet, bei einigen Tumoren richtet man sich ausschließlich nach der Kernmorpholgie (z.B. Graduierung des Nierenzellkarzinoms nach Kaufman), bei anderen ausschließlich nach architekturellen Kriterien (z.B. Graduierung des Prostatakarzinoms nach Gleason). Bei Sarkomen wird auch das Ausmaß von Tumornekrosen herangezogen (Graduierung nach Coindre).

Schlecht differenzierte maligne Tumoren wachsen meist eher schnell und zeigen dann auch vermehrt Mitosefiguren. Wie aber schon dargelegt ist der Mitoseindex allein kein verlässliches Kriterium zur Unterscheidung benigner und maligner Tumoren. Die Wachstumsfraktion in einem nicht-neoplastischen Keimzentrum ist vielfach höher als die eines follikulären Lymphoms niedrigen Malignitätsgrades. Apoptose-Figuren finden sich bei schlecht differenzierten malignen Tumoren weitaus häufiger als bei hochdifferenzierten Neoplasien. Dennoch übertrifft bei unbehandelten malignen Tumoren der Zugewinn an neuen Tumorzellen durch Proliferation immer den Verlust durch Apoptose.

Das lokale Wachstum eines malignen Tumors wird durch fortschreitende Infiltration, Invasion und Zerstörung der Umgebung bestimmt. Bei epithelialen Tumoren ist die entscheidende Grenze die Basalmembran, die von den Tumorzellen zerstört wird, bevor sie sich im darunter gelegenen Bindegewebe ausbreiten. Langsam wachsende maligne Tumoren können u.U. die Bildung einer fibrösen Pseudokapsel vortäuschen, doch wird man bei sorgfältiger Suche auch hier invasives Wachstum in die Pseudokapsel nachweisen können. Der endgültige Beweis für das maligne Verhalten eines Tumors wird durch die lymphogene oder hämatogene Metastasierung erbracht.

Besondere Kriterien gelten für die malignen Tumoren der lymphatischen und blutbildenden Zellen, da diese per se Gewebe durchwandern können. Hier sind die Kriterien u.a. die Verdrängung normaler Zellen im Knochenmark oder Lymphknoten, die Zerstörung lymphatischer Organe und die Ausbildung homogener Zellpopulation am falschen Ort. Dementsprechend gibt es auch keine benignen Tumoren dieser Kategorie, sondern nur maligne, die sich aber z.B. hinsichtlich ihrer Wachstumsgeschwindigkeit voneinander unterscheiden, so dass man akute und chronische Leukämien sowie aggressive von indolenten (früher: niedrig bzw. hoch-) malignen Lymphomen trennt.

Bösartige Tumoren wachsen lokal infiltrierend und destruierend, oft schnell, mit und ohne Gefäßinvasion. Die Differenzierung variiert (G1 – G4), oft liegen viele Mitosen und oft vermehrt Apoptosen, eine verstärkte Zell- und Kernformvarianz, verstärkte Kernhyperchromasie und eine erhöhte Kern-Plasma-Relation

Es gibt neben den eindeutig benignen und malignen Tumoren auch semimaligne Zwischenformen, die ein besonderes Verhalten zeigen. Das Basaliom erfüllt fast alle Kriterien zur Diagnose eines malignen Tumors, da es lokal infiltrierend und destruierend wächst und per continuitatem selbst Knochengewbe zerstören kann. Dennoch metatstasiert das Basaliom nicht. In ähnlicher Weise gibt es fibröse Tumoren, sog. aggressive Fibromatosen, die lokal Merkmale eines bösartigen Bindegewebstumors aufweisen und sich infiltrativ per continutatem ausbreiten, jedoch im Gegensatz zum Fibrosarkom nicht metastasieren.

Ein Carcinoma in situ zeigt die zytologischen Atypien und die irreguläre Zellanordnung eines invasiven Karzinoms, befindet sich aber noch diesseits der Basalmembran, d.h. es liegen noch nicht die zum invasiven Wachstum erforderlichen Veränderungen vor. Die nächste Stufe auf dem Wege vom Carcinoma in situ zum makroskopisch erkennbaren invasiven Wachstum ist das mikroinvasive Karzinom, bei dem einzelne Zellgruppen den Durchbruch durch die Basalmembran geschafft haben. Die Diagnose eines mikroinvasiven Karzinoms ist eine histologischen Diagnose, die die Untersuchung zahlreicher Gewebsproben erfordert. Das Frühkarzinom des Magens ist ein invasives Karzinom, das allerdings noch auf die Schleimhaut beschränkt ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bereits zu einer Metastasierung gekommen ist, ist daher gering und die Prognose sehr gut. Ein anderer Begriff ist der des Borderline-Tumors. Dieser Begriff hat sich bei Ovarialtumoren eingebürgert und bezeichnet nichts anderes als ein Adenom mit Atypien. Man könnte auch Grenzfall sagen, aber dann wird man ja möglicherweise zu schnell verstanden….. Die alternative Benennung ist: Adenokarzinom mit geringem Malignitätspotential (low malignant potential = LMP).

Eine weitere Besonderheit ist der Begriff der tumorartigen Läsion (tumor-like lesion), der bis vor kurzem von der WHO verwendet wurde und sich auch noch im Gegenstandskatolog findet. Gemeint ist ein Tumor im Sinne eine Schwellung oder Raumforderung, der nicht auf eine Neoplasie zurückzuführen ist. Bespiele hierfür sind umschriebene entzündliche Läsionen wie die Epulis des Zahnfleischs oder die Myositis ossificans.

Epidemiologie

Die Häufigkeit des Auftretens einer Erkrankung und somit auch von Tumoren in der Bevölkerung wird als Inzidenz bezeichnet und als Zahl der jährlichen Neuerkrankungen pro 100.000 Einwohner angegeben. Unter der Mortalität wird die Anzahl der an einer Krankheit Verstorbenen pro 100.000 Individuen und Jahr verstanden. Aus der mittleren Überlebenszeit und der Inzidenz lässt sich die Prävalenz als die Anzahl der zu einem Zeitpunkt an der betreffenden Krankheit erkrankten Personen ableiten.

Die Altersverteilung von Tumoren zeigt beträchtliche Unterschiede. Karzinome treten meistens in höherem Lebensalter auf. Embryonale Tumoren (Blastome) findet man vorwiegend bei Kindern unter 4 Jahren. Keimzelltumoren und viele mit exogenen Viren assoziierte Tumoren findet man bei Adoleszenten und jungen Erwachsenen. Beim M. Hodgkin findet man eine bimodale Verteilung mit einem Erkrankungesgipfel im dritten und einem zweiten im sechsten Lebensjahrzehnt. Die Altersverteilung lässt gewisse Rückschlüsse auf die molekularen Mechanismen der Karzinogenese zu.

Tumoren zeigen oft eine unterschiedliche Geschlechtsverteilung. Solche Unterschiede sind evident beim Mammakarzinom, das beim Mann selten, und beim Endometriumkarzinom, das beim Mann gewöhnlich nicht auftritt. Unterschiede in der Geschlechtsverteilung können aber auch auf soziogeographische Unterschiede zurückzuführen sein, so z.B. die Inzidenz des Bronchialkarzinoms, das früher vornehmlich bei Männern auftrat. Seit die Frauen mit dem Rauchen begonnen haben, sind diese Unterschiede nicht mehr so evident. Das Mesotheliom als Asbest-assoziierte Erkrankung findet sich nicht nur als Berufserkrankung bei Asbest-Exponierten, sondern auch in der Bevölkerung bestimmter Regionen Anatoliens und Australiens, wo Asbest an der Oberfläche vorkommt bzw. im Tagebau abgebaut wird.

Risikofaktoren, formale Karzinogenese

Durch die Untersuchung soziogeographischer, familiärer u.a. Unterschiede lassen sich sog. Risikofaktoren (prädisponierende Faktoren) für bestimmte Tumoren ermitteln (Tabelle). Diese Nachweis von Risikofaktoren erlauben allerdings keine Aussage, ob ein bestimmtes Individuum an dem assoziierten Tumor tatsächlich erkranken wird; es handelt sich um eine statistische Größe. Das relative Risiko gibt das Risiko eines Exponierten im Vergleich zur Gesamtbevölkerung an. Die Untersuchung der Risikofaktoren führt u.U. zur Charakterisierung bestimmter Karzinogene, also exogener Faktoren, die z.T. auch experimentell eine Tumorerkrankung hervorrufen.

Der Begriff der Präkanzerosen bezeichnet im Gegensatz zu den Risikofaktoren eine Veränderung, die ein individuelles Risiko, an einem assoziierten Malignom zu erkranken, anzeigt. Man unterscheidet fakultative Präkanzerosen, die mit einem erhöhten Risiko für eine Tumorerkrankung einhergehen von obligaten Präkanzerosen, bei denen sich in allen Fällen bei genügendem Zuwarten ein maligner Tumor entwickelt. So sind z.B. Zustände einer geringen Dysplasie eine fakultative, Zustände einer starken Dysplasie oder eines Carcinoma in situ eine obligate Präkanzerose.

Aus Untersuchungen an Präkanzerosen und Frühformen von invasiven Karzinomen wurden für verschiedene Karzinome Sequenzen von der fakultativen zur obligaten Präkanzerose und weiter zum (mikro-)invasiven Karzinom abgeleitet. Bei einigen Karzinomen, so dem Kolonkarzinom, sind die bei den verschiedenen Progressionsschritten relevanten genetischen Veränderungen gut untersucht. So findet man eine Sequenz von normalem Epithel zum kleinen Adenom < 10 mm (mit nur geringen architekturellen, zellulären und nukleären Atypien) über Adenome > 10mm, in den sich schon öfter Herde mit Atypien finden lassen, weiter über Adenome mit hochgradigen Atypien hin zum invasiven und dann zum metastasierenden Adenokarzinom. Eine gleichartige Sequenz ist für das Plattenepithel, z.B. der Portio vaginalis uteri, beschrieben. Hier spricht man von geringer, mittelgradiger, starker Dysplasie, einem Carcinoma in situ, vom mikroinvasiven, dann grob invasiven und schließlich metastasierenden Karzinom. Für das Endometrium ist die fakultative Präkanzerose die einfache Hyperplasie ohne Atypien, während die komplexe Hyperplasie mit Atypien eine obligate Präkanzerose darstellt. Für bestimmte Organe hat sich für die verschiedenen Grade der Dysplasie hin zur in situ Neoplasie die Bezeichnung intraepitheliale Neoplasie eingebürgert. So spricht man von der cervicalen intraepithelialen Neoplasie (CIN) I-III und hat eine gleichsinnige Nomenklatur für die Vulva (VIN), die Vagina (VaIN), die Prostata (PIN) und das Pankreas (PanIN) entwickelt. Auch bei der testikulären in situ Läsion beginnt sich der Begriff TIN anstelle des Begriffs des testikulären Carcinoma in situ durchzusetzen.

Tumorsystematik und -nomenklatur

Die Einteilung von Tumoren nach Ihrem Primärsitz als z.B. Magen-, Kolon- oder Bronchialkarzinom ist umgangssprachlich, für Zwecke einer differenzierten Therapie jedoch nicht ausreichend. Die von der WHO anerkannten Systematiken orientieren sich an der Dignität und phänotypischen Merkmalen. So werden zunächst gutartige und bösartige Neoplasien unterschieden. Anhand phänotypischer Merkmale lässt sich in der Mehrzahl bereits lichtmikroskopisch eine Zuordnung zu den Kategorien epithelialer, mesenchymaler, neuroektodermaler, embryonaler und Keimzelltumoren treffen. Mischtumoren mit epithelialen und mesenchymalen Anteilen bilden seltene Sonderfälle.

Gutartige epitheliale Neoplasien werden Papillome (Plattenepithel, Übergangsepithel bzw. Urothel) oder Adenome (Zylinderepithel) genannt. Maligne epitheliale Tumoren sind Karzinome (Plattenepithelkarzinom, Urothelkarzinom, Adenokarzinom usw.). Diese Benennungen werden adjektivisch oder durch Präfixe erweitert, um auf besondere Merkmale des Bautyps, der Zytologie o.ä. hinzuweisen. Bespiele sind das tubulovillöse Adenom des Dickdarms, das seröse papilläre Cystadenom des Ovars, das follikuläre Adenom der Schilddrüse.

Bei den Karzinomen werden Hinweise auf Differenzierungsmerkmale in gleicher Weise hinzugefügt. Bespiele sind das verruköse oder das verhornende Plattenepithelkarzinom, das muzinöse oder gar siegelringzellige Adenokarzinom. Die Adenokarzinome der parenchymatösen Organe werden als hepatozelluläres, cholangiozelluläres, Nierenzell- oder Schilddrüsenkarzinom angesprochen. Die klassifizierende Diagnose wird oft noch durch Angaben ergänzt, die die Präsentation des individuellen Falles wiedergeben, so die Adjektive ulzerös, exophytisch, stenosierend, szirrhös u.ä. Sind keine Differenzierungsmerkmale ausgebildet, so spricht man von undifferenzierten (anaplastischen) Karzinomen, die entsprechend ihres Wachstumsmusters ggf. noch als solide oder diffus gekennzeichnet werden können.

Eine weitere Kategorie epithelialer Neoplasien sind die neuroendokrinen Tumoren, die wie die meisten Tumoren endokriner Organe Besonderheiten in der Dignitätsbeurteilung aufweisen. Die eindeutig malignen Neoplasien werden neuroendokrine Karzinome genannt.

Mesenchymale Tumoren werden nach Differenzierungsmerkmalen, die mit einem differenzierten Gewebe geteilt werden, klassifiziert. Die Bezeichnungen tragen das Suffix -om bei gutartigen und -sarkom (gr. sarx = Fleisch) im Falle der malignen Tumoren. Man spricht somit vom Lipom und Liposarkom, Leiomyom und Leiomysarkom, Angiom und Angiosarkom usw. (Tabelle). Sind keine Differenzierungsmerkmale ausgebildet, so handelt es sich um undifferenzierte Sarkom, die entsprend ihrer Zellmorphologie als rund-, spindelzellig oder pleomorph (vielgestaltig) klassifiziert werden.

Für alle undifferenzierten Tumoren gilt, dass die Immunhistologie und ggf. der Nachweis charakteristischer chromosomaler Translokationen den lichtmikroskopischen Horizont erheblich erweitern können. Dieses gilt ganz besonders für die Tumoren der blutbildenden und lymphatischen Zellen, den Leukämien und malignen Lymphomen. Obwohl auch diese Zellen vom Mesenchym abzuleiten sind, werden sie nicht als Lymphosarkome bezeichnet. Dieser Begriff ist historisch und wurde verlassen. Lediglich bei den seltenen Fällen tumorbildender Infiltrate einer myeloischen Leukämie wird (noch) vom Myelosarkom gesprochen.

Zu den neuroektodermalen Tumoren zählen die Tumoren der Stützzellen des Zentralnervensystems, die Gliome, Astrozytome, Oligodendrogliome usw., und seiner Hüllen, darunter Menigeome. Zu den neuroektodermalen Tumoren zählen auch die melanozytären Tumoren, darunter die melanozytären Naevi und das maligne Melanom.

Die embryonalen Tumoren entwickeln sich während der Organogenese und sind daher typische Tumoren des Neugeborenen- und Kindesalters. Einige dieser Tumoren sind durch charakteristische genetische Aberrationen gekennzeichnet. Diese Tumoren werden nach der Organanlage und dem Suffix -blastom bezeichnet, also als Nephro-, Neuro-, Retino-, Medullo-, Pulmo-, oder Hepatoblastom. Cave: Nicht alle Blastome sind embryonale Tumoren: Das Glioblastom ist ein hochmalignes Gliom, das Chondro- und das Ostoblastom sind ebenso wie das embryonale Rhabdomyosarkom unreife mesenchymale Tumoren.

Ein spezielle Kategorie ist die der Keimzelltumoren. Aus zwei Keimzellen kann sich bekanntlich ein ganzer Mensch entwickeln. Keimzelltumoren können daher in unterschiedlicher Weise differenziert sein und Merkmale von Keimzellen im engeren Sinne aufweisen oder aber Merkmale von extraembryonalen Geweben sowie von embryonalen bzw. somatischen Geweben aller drei Keimblätter. Mit den Keimzelltumoren sind die Trophoblastneoplasien, darunter das Chorionkarzinom, eng verwandt.

Besonderer Erwähnung bedürfen noch die Tumoren heterologer Zusammensetzung (mit Ausnahme der Keimzelltumoren). Hierzu zählen das Fibroadenom der Mamma und das pleomorphe Adenom der Kopfspeicheldrüsen, beides vergleichsweise häufige gutartige Tumoren dieser Organe. Die malignen Mischtumoren sind weitaus seltener. Dazu zählen der Müllersche Mischtumor, der sich aus Stammzellen des weiblichen Genitaltrakts mit “Müllerscher Potenz” herleitet. Hierbei sind Adenokarzinomanteile und mesenchymale Gewebselemente miteinander verquickt. Organtypische Differenzierungen werden als homolog bezeichnet (homologer Mischtumor). Es können aber auch Differenzierungen gefunden werden , die im normalen Genitale nicht auftreten, z.B. eine knorpelige Differenzierung (heterologer Mischtumor). Mischtumoren in Form von Karzinosarkomen gibt es aber auch außerhalb des Genitale, so im Ösophagus oder in der Mamma. Diese Tumoren werden neuerdings als metaplastische Karzinome angesprochen, da sich herausgestellt hat, daß die Tumorkomponenten sich von derselben Ausgangszelle herleiten. Dementsprechend sind an die Diagnose eines Kollisionstumors, also der Situation des Ineinanderwachsens zweier verschieden differenzierter Neoplasien, auch strenge Kriterien zu stellen.

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