Staublungenerkrankungen: Silikose

Ein 63-jähriger Mann stirbt unter dem Bilde der Rechtsherzinsuffizienz. Arbeitsanamnestisch war eine Tätigkeit im Baugewerbe über 28 Jahre bei verschiedenen Arbeitgebern bekannt, darunter eine mehrjährige Tätigkeit mit Sandstrahlgebläsen. Vor 15 Jahren war eine entschädigungspflichtige Berufserkrankung attestiert worden. In einem Sektionsgutachten soll im Auftrag der Berufsgenossenschaft u.a. untersucht werden, ob der Tod mit einer Berufserkrankung nach Ziffern 4101 oder 4102 BeKVO im Zusammenhang steht.

Lunge
Lunge bei Silokose

Der Hauptberfund wird an den Lungen erhoben. Die Lungen sind untergewichtig, mit schwarz-grauer Zeichnung der Pleura visceralis sowie Anthrakose und Verschwielung der peribronchialen und pulmohilären Lymphknoten. Nach Formalinfixierung der intakten Lungen findet man nach Lamellierung auf den Schnittflächen zahlreiche Knötchen mit einem Durchmesser bis 10 mm und Hauptsitz in den “Mittelgeschossen”. Ein Teil der Oberlappen ist verdichtet und zeigt eine schiefrige Textur und Färbung der Schnittfläche. Des Herz wiegt 550 g, vor allem zu Lasten des rechten Ventrikels, der hypertroph und dilatiert ist. Die Leber ist fibrosiert und zeigt eine muskatnußähnliche Zeichnung der Schnittfläche. Die Milz ist stark verfestigt, aber nur gering vergrößert.

Einlagerung von Kohlenstaub
Silikose der Lunge
Silikose der Lunge

Am histologischen Präparat werden die schon makroskopisch erkannten Knötchen sichtbar. Sie zeigen eine lamelläre, teils zwiebelschalähnliche Textur eosinophiler Massen mit Einlagerung von Kohlenstaub in unterschiedlicher Dichte. Die zentralen Anschnitte wirken z.T. strukturlos und sind mitunter herausgelöst. In der Umgeung ist das Lungenewebe rarefiziert. DIe Lyphknoten zeigen gleichartige Herde. Polarisationsoptisch findet man kleine, doppeltbrechende Partikel in der Lungen- und Lymphknotenherden.

Es handelt sich um eine Quarzstaublungenerkrankung (Silikose), die einen langsam progredienten Verlauf genommen hatte und zur Bildung eines Cor pulmonale mit Stauung im großen Kreislauf (Stauungsleber, kardiale Stauungsmilz!) geführt hatte. Die Silikose ist die wichtigste berufsbedingte Pneumokoniose. Noch Jahre nach der Exposition kann die Erkrankung mit einem fortgesetzten knotigen Umbau des Lungengewebes voranschreiten.

Siliziumdioxid- und Silikatstäube können entsprechend ihren jeweiligen physikochemischen Besonderheiten (Zusammensetzung, Größe, Oberflächenbeschaffenheit) unterschiedlich stark pathogen wirken. Nicht jede Staubbelastung führt daher zu einer progredienten Silikose. Frische Stäube aus kristallinem Quarz können direkt zytotoxisch wirken. Durch den langsamen Abbau in den Makrophagen entsteht weitere freie, zytotoxisch wirksame Kieselsäure. Quarzstaub-speichernde Makrophagen produzieren daher verschiedene, vor allem auch fibrogen wirkende Mediatoren. Da die Makrophagen den Staub in Depots im Lungeninterstitium und in den tributären Lymphknoten zusammentragen, gehen die fibrogenen Reaktionen dort weiter. Es entstehen silikotische Knötchen, die sich weiter verdichten und hyalinisieren (verschwielen), konfluieren und auch nekrotisch werden (erweichen) können. Mit einem Staubkörnchen können viele Generationen von Makrophagen beschäftigt sein. Durch die Narbenbildung wird das umgebende Lungengewebe rarefiziert und umgebaut (Narbenemphysem). Bei entsprechendem Befund entsteht ein chronisches Cor pulmonale, das Risiko der Bildung eines Pneumothorax steigt. Die Silikose birgt ein stark erhöhtes Risiko, zugleich an einer aktiven Tuberkulose (Silikotuberkulose, Berufskrankheit!) zu erkranken. Anders als die Asbestose ist die Silikose ist nicht mit Lungenkrebserkrankungen assoziiert. Eine Mischung aus Quarz- und Kohlenstaubbelastung, vor allem im Kohlenbergbau, führt zur Anthrakosilikose, wobei auch hier die Quarzstäube, nicht die Kohlenstaubbeimengung pathogen wirksam sind.

Die Silikose läßt sich nach dem Ausmaß der radiologischen Veränderungen in mehrere Stadien einteilen. Das Ausmaß der Silikose wird gemäß einer international gebräuchlichen Klassifikation anhand des röntgenologischen Bildes u.a. nach der Knötchengröße (p = pinhead, bis 1,5 mm; m = micronodular,unter 3 mm; n = nodular, über 3 mm), der Knötchendichte (1 = vereinzelt, 2= zahlreich, 3 = dichtstehend), und der Ausdehnung zu Herden konfluierter Knötchen (Herdgrößen der Kategorien A = bis 5 cm, B = bis 1/3 der Lungen, C = ausgedehnte Verwchwielungen > B), sowie nach extrapulmonaler Ausdehnung und Folgeerscheinungen (u.a. em = Emphysem, pl = pleurale Beteiligung, hi = große Hiluslymphknoten, cp = cor pulmonale) angegeben. Diese Einteilung kann am am adäquat aufbereiteten Sektionspräparat nachvollzogen werden.

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