Männliches Genitale

Vorbemwerkungen zur Entwicklungsgeschichte

Viele nicht-entzündliche Erkrankungen des männlichen Genitale stehen mit den Besonderheiten der Embryonalentwicklung im Zusammenhang: Leistenhernien, Hydrozele, Varikozele, Maldescensus testis, Kryptorchismus, Infertilität, Keimzelltumoren.

Hoden

Der Kryptorchismus ist durch einen unvollständigen Descensus testis bedingt und mit Infertilität sowie einem > 30-fach erhöhtem Risiko der Entwicklung von Keimzelltumoren behaftet.

Hodentumoren treten meistens bei jungen Männern im 3. und 4. Lebensjahrzehnt auf. 90 bis 95% der Hodentumoren sind Keimzelltumoren.

Etwa die Hälfte der Keimzelltumoren sind reine Seminome. Seminome exprimieren die gonozytäre alkalische Phosphatase (GAP), die sich von der plazentaren alkalischen Phosphatase (PlAP) nur minimal unterscheidet. Man kann die Gonozyten-AP daher immunhistologisch mit Antikörpern gegen die Plazenta-AP nachweisen.

In Seminomen können Riesenzellen vom Typ der synzytiotrophoblastären Zellen vorkommen. Diese Zellen produzieren humanes Choriogonadotropin (HCG), das man immunhistologisch und im Serum (serologisches Monitoring!) nachweisen kann.

Die nicht-seminomatöse Keimzelltumoren sind das embryonale Karzinom, der Dottersacktumor, das Choriokarzinom und das Teratom. Die nicht-seminomatösen Keimzelltumoren können rein oder gemischt, oft mit seminomatösen Anteilen, auftreten.

Das embryonale Karzinom ist ein hochmaligner Tumor.

Reine Dottersacktumoren findet man häufiger bei kleinen Kindern. Dottersacktumoren produzieren alpha-Fetoprotein (AFP).

Choriokarzinome des Hodens sind selten und kommen fast niemals rein, sondern als Bestandteil gemischter Keimzelltumoren vor. Sie enthalten wie die Schwangerschafts-assoziierten (gestationellen) Choriokarzinome des Uterus zyto- und synzytiotrophoblastäre Anteile. Die synzytiotrophoblastären Zellen produzieren humanes Choriogonadotropin (HCG; Serologie !).

Die Teratome zeigen eine den Körpergeweben entsprechende Differenzierung, Abkömmlinge aller drei Keimblätter können vertreten sein. Man unterscheidet reife und unreife Teratome (Hoden: Teratom).

Die verschiedenen Formen von Keimzelltumoren bevorzugen unterschiedliche Metastasierungswege: Seminome metastasieren primär lymphogen, Teratome und Choriokarzinome primär hämatogen.

Die Terminologie in diesem Skript richtet sich nach der WHO-Klassifikation. Es gibt eine (ältere) britische Klassifkation der Hodentumoren, in der fast alle Tumoren außer reinen Seminomen als Teratome bezeichnet werden. Dieses muß man wissen, wenn man ältere Literatur zum Thema heranzieht.

Der Vorläufer dieser Keimzelltumoren ist die testikuläre intraepitheliale Neoplasie (TIN), auch als Carcinoma in situ des Hodens bezeichnet (Testikuläre intraepitheliale Neoplasie). TIN-Zellen unterscheiden sich von normalen Spermatogonien durch ihre Zytomorphologie und die Expression gonozytärer AP.

TIN-Zellen findet man im kontralateralen Hoden in 5% der Träger von Keimzelltumor-Patienten. TIN-Zellen sind strahlensensibel.

Das spermatozytische Seminom ist ein seltener Hodentumor vorwiegend älterer Männer. Das spermatozytische Seminom unterscheidet sich vom klassischen Seminom hinsichtlich der Morphologie, des Immunphänotyps, und, da es nicht metastasiert, hinsichtlich seiner guten Prognose. Das spermatozytische Seminom kommt nicht zusammen mit der TIN vor und es gibt auch kein ovarielles Homolog.

Die übrigen Hodentumoren aus der Keimstrang-/Stroma-Tumorgruppe (Leydigzell-Tumor, Sertolizell-Tumor) und primäre maligne Lymphome des Hodens kommen weitaus seltener vor als Keimzelltumoren.

Infektionen des Hodens betreffen meistens auch den Nebenhoden und den Samenstrang

Hodenanhangsgebilde

Bakterielle Erreger von Genitalinfektionen sind vor allem Gonokokken, Chlamydien, Treponemen (Syphilis, Lues) und gramnegative Bakterien. Hoden und Hodenanhangsgebilde können primär hämatogen oder kanalikulär im Zuge einer Urogenitaltuberkulose betroffen sein. Die Mumpsorchitis kann zur Infertilität führen. Unter den parasitären Erkrankungen ist die Filiariasis zu nenen, die ein Lymphödem mit Elephantiasis des Scrotum bewirken kann. Bei der Malakoplakie bilden sich aufgrund einer Phagozytosestörung gelblich-weiße Ablagerungsherde aus schaumzelligen Makrophagen (von Hansemann-Zellen), die PAS-positive feinkörnelige Reste von Bakterien speichern und zu späteren Zeitpunkten regressiv verkalken (Michaelis-Gutman-Körperchen).

Erkrankungen des Nebenhodens und des Samenleiters sind vor allem Zysten, Kreislaufstörungen, Entzündungen und – selten – Tumoren.

Die Hodentorsion bewirkt eine hämorrhagische Infarzierung.

Häufige Erkrankungen der Hodenanhangsgebilde sind die Hydrozele der Hodenhüllen, die Spermatozele des Nebenhodens und die Varikozele (meist linksseitig) des Samenstranges.

Die Tumoren der Hodenanhangsgebilde sind zumeist gutartig: Lipome und Leiomyome des Samenstranges sowie der Adenomatoidtumor, der vom Mesothel der Hodenhüllen ausgeht. Der häufigste bösartige Tumor des Samenstranges ist das Rhabdomyosarkom (M. cremaster!). Als Tumor-artige Läsion ist das Spermagranulom zu nennen.

Prostata, Samenblasen

Die wichtigsten Erkrankungen der Prostata: Entzündungen, Hyperplasien und Karzinome.

Die Prostatitis ist meist auf aszendierende Infektionen zurückzuführen und kann auch junge Männer betreffen. Hämatogene Infektionen der Prostata, wie z.B. die Tuberkulose, sind selten.

Männer über 70 Jahren zeigen mehrheitlich eine noduläre Prostatahyperplasie (sog. benigne Prostatahyperplasie = BPH; der Begriff ist Unsinn, da Hyperplasien immer benigne sind!). Diese kann die Harnröhre verlegen und prädisponiert daher für Infektionen der Harnblase, der oberen Harnwege und der Prostata selbst.

Das Prostatakarzinom ist die zweithäufigste Krebserkrankung bei Männern. Prostatakarzinome sind ganz überwiegend Adenokarzinome, die per continuitatem Samenblasen und Blasenboden infiltrieren und zuerst lymphogen in regionäre Lymphknoten metastasieren. Die hämatogenen Metastasen betreffen vor allem den Knochen in Form osteoplastischer (Knochengewebe bildender) Metastasen.

Der wichtigste Tumormarker ist das Prostata-spezifische Antigen (PSA; serologisches Monitoring).

PSA ist eine Protease, die für die Verflüssigung des Spermakoagels erforderlich ist.

Penis

Die Erkrankungen von Penis und Scrotum umfassen neben den überwiegend epithelialen Tumoren die Entwicklungsstörungen (Epispadie, Hypospadie usw.), vaskuläre Erkrankungen und Fibromatosen der Schwellkörper (z.B. Induratio penis plastica), Infektionen und dermatologische Erkrankungen.

Eine wichtige Erkrankung der Verhaut ist der Lichen sclerosus et atrophicus (= Balanitis xerotica obliterans), der oft eine Phimose nach sich zieht.

Die wichtigste Virusrkrankung der Glans penis ist das Kondylom, das durch humane Papillomviren (HPV) verursach wird. Auf dem Boden von Kondylomen können Plattenepitehlkarzinome vom Typ des verrukösen Karzinoms entstehen.

Das Plattenepithelkarzinom des Scrotum ist eine Rarität, aber medizinhistorisch interessant, weil hierbei erstmalig die Beziehung zwischen einer beruflichen Noxe und einem Karzinom dargelegt werden konnte (“Schornsteinfegerkrebs”).

Kommentare sind geschlossen.